GESCHICHTE

(ca. 10 Minuten)

Es ist ein wunderschöner Julitag, die Sonne brennt hoch im Zenit auf die Bergspitze des Tillen, dort wo man den Turm der tschechischen Radaranlage erkennt. Die Tillenzwerge, die immer noch in der Gegend hausen, treffen sich zum Geburtstag von ihrer Ältesten.

Wie meist zu dieser Zeit, finden sie sich am Granatbrunnen ein, um dort das große Fest zu feiern. Kurz, nach dem reichhaltigen Mittagessen, räumen die Zwergenfrauen auf. Obwohl gerade großartig gespeist wurde, wird schon die üppige Kaffeetafel gedeckt.

Die Männer hatten seit frühmorgens den mittäglichen Gaumenschmaus ganz alleine hergerichtet und zubereitet. Zur Belohnung dürfen sie sich jetzt dem Genuss ihres Tillentrunks hingeben. Während sie diesen selbst gebrauten Kräuter-Gersten-Trank schlürfen und ein wenig verdauen, schmieden sie lustige Pläne. Die herumspringenden kleinen Zipfelmützenplagen stören dabei ein wenig. Das ist jedoch nicht schlimm. Gleich werden sie sich alle versammeln, da nun für die Zwergenkinder der spannendste Teil des Tages folgt. 

Nach alter Tradition, hat die Älteste die Aufgabe, den kleinen Zwergen etwas über die Sitten und Gebräuche zu erzählen. Dazu gibt es leckeren Minze-Holunder-Nektar und süße Honigwurzstöckchen. Die quirligen Jungspunde sind total aufgeregt und es dauert eine Weile, bis sich alle hingesetzt und beruhigt haben. Sie schauen gespannt auf ihre „Oomka“, wie sie ihre Älteste liebevoll rufen.

Die grinst und freut sich, über den sie umringenden Nachwuchs. Mit einer beruhigenden Geste deutet sie an, dass es jetzt spannend wird. Ebenso, wie bei uns Menschen, bekommen die Zwergenkinder Sagen erzählt, manchmal sogar dieselben.

Ihr Gesicht wird ganz ernst und sie atmet tief ein. Mit sonorer Stimme beginnt sie: „Als einst hier oben noch die Tillenstadt stand, gab es viele reiche Bürger. Je mehr sie horteten, desto geiziger wurden sie. Mit ihrem Wohlstand wuchs auch die Faulheit. Die steilen Wege zur Stadt wollte keiner richten. Es wurde für die Händler immer schwerer und gefährlicher die schweren Karren, voller schöner Waren, hinaufzuschaffen. Eines Tages verunglückte einer der Kaufmänner. All sein Hab und Gut stürzte mitsamt dem Ochsengespann in die Tiefe. Das ärgerte ihn bodenlos. Wütend über die raffgierigen Bewohner der Stadt, schimpfte er und schrie einen Fluch aus: „Sollen die vermaledeiten Geizkrägen doch mit ihrer gesamten güldenen Siedlung untergehen!“ Kaum hatte er es ausgesprochen, versank unter tosendem Lärm die Tillenstadt.“ Oomka schaut mahnend in die wachen Kinderaugen, die regelrecht an ihren Lippen kleben.

Gerade in dem Moment, als sie vom Untergang erzählt, verfinstert sich der Himmel über dem Tillen. Stürmischer Wind peitscht durch die Baumwipfel und schon klatschen erste große Regentropfen den Kindern um die Ohren.

Drei Riesenblitze erleuchten den gespenstisch dunklen Wald. Einen Wimpernschlag später knallt ein ohrenbetäubender Donner hinterher. Alle erschrecken und schauen sich verdutzt an, ob auch niemanden etwas passiert ist. Zum Glück sind alle wohlauf. Genauso schnell wie dieses Unwetter kam, ebenso schnell ist es vorbei.

Der Himmel klärt auf und die Sonne lacht, als sei niemals etwas geschehen. Einige Zwerge schweifen aus, um zu erkunden, wo diese gigantischen Blitze einschlugen. Andere inspizieren, ob ihre Behausungen verschont blieben. Natürlich hat jeder von ihnen sein Birkenpfeifchen dabei. Damit warnen oder rufen sie sich über viele Kilometer, je nach Melodie. Diese Pfeiftöne sind sehr hoch und werden nur von ihnen und einigen Tieren des Waldes gehört. Alles scheint gut zu sein. Nirgends ist ein Schaden zu entdecken. Viele sind schon wieder am Granatbrunnen eingetroffen und räumen das Durcheinander auf, das das Unwetter anrichtete. Nachdem sie sich vom Schrecken erholt haben, wird jetzt erleichtert weiter gefeiert.

Da ertönt das „Kommt alle her“ Pfeifsignal. Tillenzwerge hören weitaus besser als wir Menschen und erkennen sofort, in welche Richtung zu laufen ist. Alle rennen los.

Ghranaroh, der Edelsteinschleifer, hat den Pfiff ausgelöst. Die flinken Tillenzwerge staunen nicht schlecht, als sie zu ihm stoßen. Die Blitze sind in drei große, alte Tannen eingeschlagen und haben sie von oben bis unten gespalten. Zwischen den betroffenen Tannen, die im Dreieck stehen, hat sich ein tiefes Loch aufgetan. Das ist ein unglaublicher Anblick. Jedoch noch unglaublicher ist, dass es sich, um exakt die Stelle handelt, wo einst die prunkvolle Tillenstadt stand.

Der Ob, der so eine Art Bürgermeister ist, bildet mit einigen Zwergen eine Kette, indem sie sich gegenseitig fest an ihren dicken Wamsgürteln halten. So gelangen sie ganz nah an das Loch. Der Zwergenob wagt einen Blick in die Tiefe und staunt nicht schlecht, als er in das Dunkel schaut. Es kommt ihm vor, als schaue er bis zum Fuße des Tillen und noch viel weiter. Mit seinen falkengleichen Augen erspäht er etwas Glänzendes. Er berichtet seinen Gefährten, dass es aussieht wie die goldene Spitze eines Zwiebelturmdachs. Unter der Zwergengesellschaft macht sich ein Raunen breit. Haben sie nun, nach all der langen Zeit, einen Zugang zur sagenhaften, versunkenen Stadt entdeckt?

Leider ist es viel zu weit unten, so, dass man nicht einfach herunter klettern kann. Aus Geäst und Schlingpflanzen baut eifrig eine Gruppe eine ewig lange Kletterhilfe. Langsam und vorsichtig lassen die Zwergenmänner ihre Konstruktion in die Höhle gleiten. Gerade als die Stangen am goldenen Dach anstoßen, gibt es ein erschreckendes Grollen und die Erde bebt. Alle springen schnell zurück und laufen weg. Wer schon mal einen Tillenzwerg gesehen hat, weiß, wie blitzschnell sie flüchten können.

Die Zwerge sind in Sicherheit. Mutig klettern sie zu den Tannen wieder empor, doch das Loch ist verschwunden. Satt dessen liegt an der Stelle ein großer Granitstein. Auf diesem erkennen sie ein Symbol, das aussieht, wie ein kleiner, eingemeißelt wirkender Kreis. Nachdem sich alle wieder beruhigt haben, beschließen sie zurück zum Granatbrunnen zu ziehen. Schließlich ist es der Festtag ihrer Jubilarin, und das wollen sie feiern.

Die Zwergenkinder erfinden sofort ein neues Abenteuerspiel, beidem nun, in jedem noch so kleinem Loch, das goldene Dach entdeckt wird. Die Zwerginnen tanzen und die Männer richten das Holz für das Festfeuer her.

Am Abend sitzen dann alle am Lagerfeuer und naschen ein wenig Grunglbarz. Eifrig erzählen und philosophieren alle über das unglaubliche Tagesereignis und sind sich sicher, dass die Legenden um die Tillenstadt stimmen. Sie sind überzeugt, dass wenn der Fluch des Kaufmanns nicht schon die Tillenstadt begraben hätte, es heute, durch diese Blitze, passiert wäre.

Der Wanderer hingegen, soll sich vor den Unwettern am Tillen vorsehen. Sich schnell aus dem Staub zu machen, wie die Zwerge, gelingt ihm sicher nicht.

Wir wissen nie, wo beim nächste Mal der Blitz einschlägt.           

cw-23-07-2007 | cw-18-12-2016